„Es lebe unser Österreich!“(1) Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation“ in der Krypta am Heldenplatz

Foto: Ausstellung „Letzte Orte“, Lisa Rastl

von Michael Hollogschwandtner

An einem der zentralen Austragungsorte österreichischer Geschichtspolitik, der Krypta im Äußeren Burgtor, zwischen Heldenplatz und Ringstraße, wurde die temporäre Ausstellung Letzte Orte vor der Deportation eingerichtet. Jener Raum, der den gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges gewidmet wurde, soll damit „in einen zeitgeschichtlichen Lern- und Vermittlungsort“2 transformiert werden. Das Aufzeigen von Kontinuitäten scheint dafür überflüssig.

Den gefallenen Soldaten
Das Äußere Burgtor, fertiggestellt 1824 als Symbol des Sieges der Habsburger über die napoleonischen Truppen,3 wurde im Austrofaschismus weitreichend umgestaltet. Es erfolgte u. a. die Einrichtung der Krypta im Gedenken an die ,Helden des Weltkriegs‘.4 Nach 1945 wurde die Widmung schlicht um die getöteten Soldaten des Zweiten Weltkriegs erweitert5 und damit dem historischen Kontext eines Angriffs- und Vernichtungskriegs entrissen. In den letzten Jahren setzte sich dort der Kampf um die Erinnerung in modernisierter Form fort: Die im Wiener Korporationsring (WKR) zusammengeschlossenen Burschenschaften begannen 1997 ihr jährliches ,Totengedenken‘ am 8. Mai, zum Jahrestag des Sieges über den Nationalsozialismus (NS) in Europa, an der Krypta abzuhalten,6 nachdem der WKR ein Gedenken am Siegfriedskopf, in der Aula der Universität Wien, infolge eines Politikwechsel des Rektorats im Jahr zuvor nicht mehr durchführen durfte – wenn auch nach Angaben des WKR-Vorsitzenden „ohne kausalen Zusammenhang“.7 Dagegen formierte sich linksradikaler – und infolgedessen – zivilgesellschaftlicher Widerstand. Durch das Fest der Freude konnte ab 2013 das ‚Totengedenken‘ des WKR vom Heldenplatz verdrängt werden.

Ausstellung mit Erinnerungslücken
An jenem Ort, an dem bis vor wenigen Jahren am 8. Mai burschenschaftliches ,Totengedenken‘ stattfand und jährlich am 26. Oktober die Staatsspitze die ‚Helden‘ durch Kranzniederlegung ehrt, befindet sich nun eine Ausstellung zu den im kollektiven Gedächtnis beinahe ausgelöschten NS-Sammellagern in Wien (Kleine Sperlgasse 2a, Castellezgasse 35, Malzgasse 7 und 16). Organisiert wurde die Ausstellung von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter der Leitung von Monika Sommer und Heidemarie Uhl. Sie beschreibt die schrittweise Verschärfung der NS-Politik gegen Jüdinnen und Juden: Von der Aufforderung, sich in einem der Sammellager zu melden und dort unter schrecklichen Verhältnissen leben zu müssen, bis zum Beginn der Deportationen über den Aspangbahnhof in die Ghettos und Vernichtungslager. Mit Faksimiles (etwa persönlichen Briefen und Fotografien), Berichten Überlebender sowie der Betonung von Handlungsmöglichkeiten selbst unter diesen Umständen erfolgt eine Annäherung an die Situation der Jüdinnen und Juden im Sammellager.

Der Ausstellungsort selbst wurde in keiner Weise kontextualisiert. Lediglich im Einleitungstext am Eingang wird lapidar festgehalten: „Der Ausstellungsort, die Krypta des Heldendenkmals, wurde den gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges gewidmet.“ Erläuterungen etwa zur Erinnerungskultur in der Zweiten Republik oder der Beteiligung der Wehrmacht an der Shoah werden ausgespart. Aus einem Ort der Wehrmachtssoldaten wurde ein Ort der Verfolgten – ohne die Verbindung zwischen beiden herzustellen.

‚Die Stunde Null‘
Das Verdienst der Ausstellung liegt darin, die Ausgangsorte der Deportationen mitten in der Stadt zu verorten. Damit wird die Shoah nicht nur mit Schauplätzen fernab Österreichs in Verbindung gebracht, was einer Externalisierung des Massenmordes entgegenwirkt. Dieser Aspekt der Ausstellung wird – zu Recht – vielfach gelobt. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die Thematisierung widerständigen Verhaltens von Juden und Jüdinnen.

Die Erinnerung wird jedoch von der Gegenwart abgeschnitten, Kontinuitäten zur Zweiten Republik werden nur punktuell und auf personeller Ebene gezogen – in Form von Kurzbeschreibungen der Lebenswege der erwähnten Täter (fast ausschließlich hochrangige SS-Männer) nach 1945. Die einzige Charakterisierung eines Täters in der gesamten Ausstellung erfolgt mit den Worten einer Überlebenden: ein „eiskalter Sadist, der seine Macht über Leben und Tod genoß“. Wenn auch die Bevölkerung Bescheid wusste, für die Shoah sind, so wird impliziert, einzelne (männliche) Sadisten verantwortlich. Wo es (fast) keine Kontinuitäten gibt, wird der Mythos der ,Stunde Null‘ zumindest nahe gelegt – wenn nicht explizit vertreten, wie etwa durch Werner Faymann anlässlich des Festes der Freude 2013: „Der 8. Mai markiert die Stunde Null für das Europa, das wir heute kennen.“8

Der NS wird damit zum Relikt einer längst vergangenen Zeit. Das ,anständige Österreich‘ gedenkt dieser scheinbar abgeschlossenen Vergangenheit, anstatt von Ideologien und gesellschaftlichen Verhältnissen zu sprechen, die zum ,Rückfall in die Barbarei‘ geführt haben. Wird als Ursache des NS das Handeln einzelner, „eiskalter Sadisten“ als personifiziertes Böses nahegelegt (denen viele Menschen bloß zugesehen haben, anstatt Widerstand zu leisten), wird sowohl der weit verbreitete Antisemitismus geleugnet als auch die heutige Gesellschaft als das genaue Gegenteil gefasst: Eine Abgrenzung im Sinne eines Schwarz-Weiß-Denkens, mit der die aktuellen österreichischen Verhältnisse reingewaschen werden – gerade durch das Gedenken an die Shoah.

Eine Kurzfassung des vorliegenden Beitrags wurde veröffentlicht in: unique 01/2017

 

Ausstellungsort und Öffnungszeiten
Die Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse“ ist vom 9.11.2016 bis 10.11.2017 in der Krypta im Heldendenkmal (Heldenplatz, Äußeres Burgtor, 1010 Wien) bei freiem Eintritt zu sehen.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9.00-11.30 Uhr und 12.30-16.00 Uhr

 

Anmerkungen
1 Christian Kern, Rede zum Fest der Freude 2017, 08.05.2017, online unter https://www.youtube.com/watch?v=pqtp9iSs5Gw (02.07.2017).
2 Österreichische Akademie der Wissenschaften, Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse, online unter www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/presse/oeffentlichkeit-kommunikation/ausgewaehlte-oeaw-pressemeldungen/letzte-orte-vor-der-deportation/ (26.11.2016).
3 Barbara Dmytrasz, Die Ringstraße. Eine europäische Bauidee. Wien 2008, 55.
4 Ingeborg Pabst, Das österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor in Wien. In: Michael Hütt u. a. (Hg.innen), Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Leiden und Sterben in den Kriegsdenkmälern des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Marburg 1990, 11–27, hier 19.
5 Peter Stachel, Mythos Heldenplatz. Wien 2002, 101f.
6 Bernhard Weidinger, „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen“. Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945. Wien u. a. 2015, 105f.
7 ebd.
8  OTS: Faymann: Heute ist der Tag der Befreiung und nicht der Niederlage, 08.05.2013, online unter www.ots.at/presseaussendung/OTS_20130508_OTS0168/faymann-heute-ist-der-tag-der-befreiung-und-nicht-der-niederlage (10.12.2016).

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